Juliane Maria Esselbach

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Als Schulkind durfte ich das Weihnachtsoratorium im Chor der Kirchengemeinde mitsingen. Ich hatte mit einer Freundin eine Wette abgeschlossen: wer schaffte es als erste, das gesamte Stück auswendig zu können? Heimlich träumte ich davon, selbst einmal den „Engel“ zu singen. Doch mein Instrument war das Cello. Sehnsüchtig schaute ich denjenigen nach, die in der Musikschule an der Tür zum „Gesang“ klopfen durften, während ich mit bangem Herzen die Tür zum „Violoncello“-Raum öffnete. Die Atmosphäre von Angst und Scham, die dort im Unterricht vorherrschte, machte ein Musikstudim nach dem Abitur für mich zunächst unmöglich.

Mein Vater hatte in mir die Liebe zur Literatur geweckt. So gut vorlesen wie er konnte niemand. Und ich war stolz, wenn ich mir aus seinem großen Bücherregal ein Buch zum Lesen ausleihen durfte, welches er mir empfohlen hatte. So studierte ich zunächst Literaturwissenschaft. Dass die Lyrik mein Steckenpferd wurde, hängt wiederum mit der Musik zusammen – dem Lied als vertontem Vers – und schlägt den Bogen zum Gesang. Glücklicherweise fand ich einen Gesangslehrer, der meine Ambitionen unterstütze und mich auf das Gesangstudium vorbereitete.

Singen heißt zunächst, viel über sich selbst zu erfahren. Wenn es einem später gelingt, anderen Freude zu bringen, ist das ein großes Glücksgefühl. Am schönsten ist es jedoch, mit den anderen zu musizieren. Dann kommt es vor, dass sich plötzlich neue Türen öffnen.

Einer meiner Lieblingskomponisten ist Claudio Monteverdi. Er war es, der dem Wort in der Musik wieder viel Gewicht gab. Seine Melodien folgen dem gesprochenen Wort und geben ihm eine große emotionale Tiefe.